RUNNER'S WORLD Podcast

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Transkript

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Ela Wildner: Hallo und herzlich willkommen zu RUNNER'S WORLD Podcast Folge 180, die wird euch heute präsentiert von unserem Partner Adidas und worum geht es in dieser Folge? Es gibt für euch ein Gespräch mit einer schillernden Figur der Laufszene und zwar mit Marc Tortel. Für den läuft diese Saison ja ziemlich ziemlich gut und mein Kollege Henning Lennards hat sich mit Marc darüber unterhalten, wie er überhaupt zum Laufen gekommen ist und dass er eigentlich schon damit aufhören wollte. Wir sind froh, dass er es nicht gemacht hat und freuen uns sehr, dass in diesem Podcast viele tolle Einblicke in sein Training und auch das Leben drum herum gegeben hat. Ja, noch zwei kleine Hinweise am Anfang. Einmal ist das Gespräch schon ein kleines bisschen her, da war Marc also einige Top-Zeiten in dieser Saison noch nicht gelaufen, das macht aber nichts und wir hatten leider bei der Aufnahme ein paar technische Probleme, deswegen springt die Aufnahme an der einen oder anderen Stelle, deswegen erschreckt euch den Inhalt, versteht man aber auf jeden Fall. Damit bleibt mir nur noch zu sagen, ich bin Elah Wildner und wünsche euch jetzt viel Spaß mit dieser Podcast-Folge und dem sehr interessanten Gespräch.

Henning Lenertz: Dann drücke ich einfach mal auf Aufnahme und freue mich sehr, dich hier bei uns im Podcast begrüßen zu dürfen. Marc, deine bisherige Saison war, würde ich sagen, eine ziemlich gute. Bist diverse Bestzeiten gerannt, bist bei Adidas unter Vertrag gekommen, bist erstmals auch im Nationaltrikot für Deutschland gestartet und jetzt kommt so ein bisschen der Plot-Twist, dabei wolltest du in diesem Jahr eigentlich gar nicht mehr laufen. Du hast eigentlich deine Karriere zum Ende der vergangenen Saison schon beendet. Aber bevor wir darauf zu sprechen kommen, wieso, weshalb, warum du aufhören wolltest und jetzt den Rücktritt vom Rücktriff gewagt hast, würde ich gerne ein paar Jahre zurückblicken. Auf deine Kindheit, also einmal sehr, sehr weit zurück. Deine Eltern waren beide selbst sehr erfolgreich im Laufen und du wurdest, wenn man so will, quasi in die Leichtathletik hineingeboren. Hattest du überhaupt eine Wahl? Und wie war das so? In deiner Kindheit mit dem Laufen, hat dir das von Beginn an Spaß gemacht oder war das was, wo deine Eltern dich wirklich so hinein gezwungen haben, beinahe schon?

Marc Tortell: Ja, also erstmal danke, freu mich auch hier zu sein. Grundsätzlich muss ich sagen, meine Eltern waren immer sehr, sehr entspannt. Also ich hab sehr viele unterschiedliche Sportarten ausprobiert. Wie du schon gesagt hast, meine Eltern haben beide Leichtathletikhintergrund, mein Opa hatte auch Leichtatherapie, der Trainer von meiner Mama und auch mein erster Trainer. Also es ist schon eine Familienangelegenheit gewesen, aber ich hab mega lange auch andere Sportarten betrieben, neben der Leichtthetik. Eigentlich immer so Kinderleichtathletik eben und parallel Fußball gespielt, von der G-Jugend bis, ich glaube zur C-Jung zu um den Dreh. Und da musste ich mich irgendwann entscheiden. Und mir macht der Laufen hat mir schon immer Spaß gemacht, auch generell so in diesem Kinder Leichtathetik-Training, wenn dann irgendwie werfen an der Tagesordnung war, war das jetzt nicht so ganz mein Fall, aber so diese zwei Runden einlaufen am Anfang, das war schon immer mein Highlight. Da haben auch meine Eltern gar nichts mit zu tun gehabt, also hätte ich auch gesagt, dass ich da keine Lust drauf habe, wären die auch damit, glaube ich, super fein gewesen. Genau, aber da war ich dann auch früh relativ erfolgreich, auch mit eigentlich sehr wenig Training und ich gewinne auch sehr gerne und deshalb ist meine Wahl dann auch die Leichtathletik gefallen. Ich weiß im Fußball nicht komplett mies, aber schon deutlich besser. Im Laufen. Und genau, dann hat es jetzt mal seinen Lauf genommen. Ich habe später dann zwischenzeitlich, weil ich sehr oft verletzten, habe dann nochmal Judo gemacht, eine Zeit lang, habe kurzzeitig Basketball gespielt, auch wenn das ganz dummes Kapitel war, weil ich, glaube ich, keinen einzigen Korb in einem Spiel jemals geworfen habe. Aber ich habe mich da an diversen Sportarten ein bisschen ausprobiert.

Henning Lenertz: Du hast gesagt, dass dein Großvater dich anfangs trainiert hat, der deine Mutter auch damals trainiert hatte und dann irgendwann wurde deine Mutter deine Trainerin. Wie ist das, wenn einem Menschen, die einem emotional so nahe stehen wie die eigene Familie, dann auch noch in der Freizeit immer sagen wollen, was man zu tun und zu lassen hat? Als junger Kerl stelle ich mir das schwierig vor, zurückblickend, wenn du 14, 15, 16 warst und deine Mutter sagt dir dann auch noch, was du heute zu trainieren hast. War das was, was immer funktioniert hat? War das harmonisch?

Marc Tortell: Grundsätzlich schon. Also, ich glaube, wir konnten das eigentlich ganz gut trennen. Und ich glaube ab einem gewissen Leistungsniveau ist es ja auch schon so, dass man es ja... Also, was heißt ab einem Gewissen Leistungsniveau? Ich glaube generell ist es auch schon, dass der Athlete das auch selber möchte und da auch früh klar ist, dass Training eben notwendig ist, um gewisse Leistungen oder Ziegen zu erreichen. Und ich eigentlich immer jemand war, der eher zu viel als zu wenig trainieren wollte. Das hat vielleicht auch die eine oder andere Verletzung. Genau. Und so ein Vorschreiben war das eigentlich eher weniger. Also, mit meinem Opa habe ich mich schon immer, habe ich auch immer extrem gut verstanden gehabt. Also, da gab es nie Probleme. Mit meiner Mutter eigentlich auch nicht. Meine Mutter und ich sind sehr, sehr ähnlich. Das war so eine eine oder eine andere Stelle. Und dann haben wir vielleicht mal so ein bisschen aneinander geraten. Aber grundsätzlich eigentlich sehr harmonisch und. Wir wussten, also ich wusste auch, habe da auch volles Vertrauen gehabt und wusste, das ist nicht, um mich irgendwie zu gängeln oder zu bestrafen, sondern das ist eben das, was notwendig ist. Und habe das dann auch so guten Gewissens so durchgeführt.

Henning Lenertz: Was waren das denn für Charaktereigenschaften, die sowohl deine Mutter als auch du mitbringen?

Marc Tortell: In unterschiedlicher Hinsicht, ich glaube, wenn wir über was kritisiert werden, wo wir sehr viel Arbeit reinstecken oder uns auch sehr viel einfach investieren, dann nehmen wir das, glaube ich, beide oft zu Herzen oder fühlen uns dann schnell angegriffen. Und dann sowohl auf ihrer Seite als auf meiner Seite, irgendwie, weiß ich nicht, wenn ich dann Läufer hatte und den ersten schon vier Sekunden zu schnell gelaufen bin oder so und das ganze Training dann halt mehr oder weniger im Arsch war, war dann so der Vorwurf, dass ich das mutwillig mache. Und ich war dann wiederum so, was soll das oder... Ja, dann irgendwie andersrum, wenn ich immer eine Zeit nicht laufen konnte, war ich so, die Zeiten sind viel zu hart. Und es ist ja dann in dem Fall kein Vorwurf, sondern einfach, dass an dem Tag vielleicht die Beine nicht da sind. Ja, was dann vielleicht als Vorwurf wahrgenommen wird. Aber das sind sehr seltene Fälle gewesen, also ich sag mal, so lange es gut lief, auch im Wettkampf war immer alles fein, aber manchmal auch im Laufe so einer Saison, immer so ein bisschen Auf und Ups und... Ja, vor allen Dingen, wie gesagt, schon angesprochen, mit einer relativ langen Verlässungsstour ist dann auch immer so eine gerade Wanderung für Meisterschaften, eben noch fit zu werden. Und da muss man vielleicht auch manchmal so ein bisschen, von Trainerseite glaube ich, auch ein bisschen unkonventionellere Wege gehen, als so einen ganz klassischen Aufbau, weil eben dann andere Qualitäten auch gefragt sind in so einer kurzen Zeit, dann Formen aufzubauen. Und ja, dann kommt es halt auch mal vor, dass man... Vielleicht an der einen oder anderen Stelle nicht bei 100 Prozent ist. Aber wie gesagt, jetzt, wo ich auch bei einem anderen Trainer in Spanien trainiere, da kommt mir bestimmt gleich noch drauf zu sprechen. Es ist auch extrem harmonisch. Und ich kann meine Mutter jede Zeit nach Ratschlägen fragen oder nach Hilfe fragen und sie ist da immer sehr offen.

Henning Lenertz: Okay, du hast angesprochen, dass du viele andere Sportarten ausprobiert hast. Fußball, Leichtathletik, Parallel. Wann kam denn so dieser Fokus auf die Leicht-Athletik? Wann hast du gemerkt, okay, ich mache hier mit wenig Training, gebe ich eine ziemlich gute Figur ab und habe auch Bock aufzulaufen, möchte mich da verbessern. Wann war das so? Wann kann so dieser Switch, an dem du gemerkst hast, okay, wenn ich jetzt ein bisschen was investiere, dann wird das was.

Marc Tortell: Ich würde sagen, so mit 16, um den Dreh 15, 16. Genau, im ersten Jahr U18. Ich bin sehr spät im Jahr geworden, also war ich da 15. Genau, da waren die deutschen Meisterschaften in Rostock. Und damals bin ich in meinem Falloff Let's für 25 Meter Abstand, glaube ich, geworden. Weil wir vorher noch im Urlaub waren, ich habe das alles auch wirklich gar nicht ernst genommen, habe ich aber dann schon gemerkt, okay, wenn ich jetzt hier, also bis hierhin lief es eigentlich ziemlich gut, so auf Hessen-Ebene bin ich immer sehr weit vorne dabei, gewinne da auch öfter, aber sobald man dann irgendwie Deutschland weit sich mit die Gegner anschaut, wird das nicht mehr ganz so einfach. Dann habe ich dann schon festgestellt, okay wenn ich jetzt wirklich was reißen möchte, dann... Der Vollloss ist ein bisschen mehr und genau darauf folgenden Jahr bin ich dann vierter geworden, also nicht nur in meinem Volllost, sondern dann auch im Finale, trotz einer relativ schwierigen, das war mein erstes Jahr, wo ich so ein bisschen verletzt war, also trotz meiner relativ schwierige Saison. Und ja, ab da habe ich dann auch gemerkt, in der U20 kamen dann internationale Meisterschaften dazu, so 20 Europameisterschaft, sowas. Und dann eben solche Normen auch zu laufen oder sich als Ziel... Vorzunehmen, bedarf dann ein bisschen mehr als, sagen wir, die Woche laufen und im Urlaub ein bisschen Fußball spielen.

Henning Lenertz: Was würdest du denn sagen, so rückblickend, was war dein größter Erfolg in der Jugend?

Marc Tortell: Ich muss natürlich sagen, der deutsche Meistertitel in der U20, ja, und auch ein Rennen, was mir extrem in Erinnerung geblieben ist, sind 5000 Meter in den deutschen U20-Meisterschaften. Da stand bis zwei Wochen vorher noch so ein bisschen auf der Kippe, ob ich überhaupt laufe, weil ich eine extrem, extrem kurze Vorbereitung in der Zeit hatte und wollte bei dem Rennen eigentlich bei 2000 schon aussteigen. Ich habe mich dann durchgekämpft, bin zum Schluss Dritter geworden und ich glaube, also nicht ich glaube so, ich werde mich nie wieder so anstrengen können. Ich musste mich auf dem Weg vom Ziel zur Siegerehrung, die 45 Minuten später stattfand. Ich lag das daran immer noch immer noch auf dem Rasen, musste ich mich sechsmal übergeben vor Laktat und das habe ich nie wieder geschafft. Ich habe auch so ein bisschen Gedächtnisverlust auf den letzten zwei Runden gehabt. Das kam dann im Videospiel, wo ich es angeschaut habe. Und dann irgendwie so sich an die Grenzen zu bringen, das war auch was, was mir lange in Erinnerung gehalten ist, geblieben ist und würde ich auch sagen, auch wenn es da jetzt in Anzeichen nur ein dritter Platz war, war ich da auch sehr stolz auf mich selber, auch dann irgendwie alles rausgeholt zu haben, was da ging.

Henning Lenertz: Was glaubst du, woran lag das, dass du an dem Tag, in dem Rennen tatsächlich so über dich hinaus wachsen konntest und komplett bis in den Begrenzer rennen konntetst?

Marc Tortell: Ich glaube tatsächlich, dass die 5000 mit einem guten Ausdauer Vorbereitung tut es auch nicht ganz so weh, aber je länger die Strecke wird und je kürzer die Vorbereitungen dafür ist, desto mehr tut es dementsprechend auch weh. Und ich glaube, dass es einmal die Stacke war, weil ich eigentlich sonst nie 5000 gelaufen bin, aber dann auch so ein bisschen mit so einem 1500 Meter Mindset einfach da rangegangen bin und mir gedacht habe, okay, so ab einem gewissen Zeitpunkt tut es einfach weh und da muss man dann dagegenhalten. Dass es dann dementsprechend früh ist, war dann unangenehm auf jeden Fall, aber ich glaube, so ein bisschen auch die Neue, also einfach, dass ich so neu war auf der Strecke. Ich bin übrigens, ich glaube sechs oder sieben Jahre lang keine 5000 danach gelaufen, weil ich so einen Traum hatte. Also es war auch ein kurzer Spaß, ein kurze Ausflug auf längeren Distanzen. Ja, aber unterschiedlich zusammen spielen und dann halt, weil ich auch wirklich gerne gewinnen wollte oder zu füllen, wenn ich da gewollte.

Henning Lenertz: Okay, dieses Gewinnen ist schon das, was dich antreibt, also was immer mitschwingt in den Rennen.

Marc Tortell: Ich würde sagen nicht mehr, aber über sehr lange Zeit schon.

Henning Lenertz: Okay, heute geht es dann um Best Zeiten, um das, was realistisch erreichbar ist.

Marc Tortell: Auch, aber ich glaube, so seit diesem Jahr ist es auch ein bisschen mehr den Spaß auch an, weil ich bin jemand, der jetzt sehr, sehr gerne Wettkämpfe macht. Auch wenn man natürlich so kurz vor einer Startlinie sich dann auch immer denkt, oh Gott, so freue ich mich, jetzt hier schon wieder rein manövriert. Aber auch diese Aufregung vorher, wirklich dieser Contest am Wettkampf an sich gegen andere antreten. Das, was mir sehr viel Spaß macht und auch so ein bisschen den Spaß am Sport, am Wettkampf selbst, steht jetzt wieder mehr für mich auch im Vordergrund. Letztes Jahr oder die Jahre davor war es dann auch oft so Normen hinterher laufen und eigentlich auch dann die Platzierung eher zweitrangig. Aber das ist etwas, was ich einfach nicht so gut kann. Deshalb, ich glaube, sehr gerne auch so Meisterschaften, also deutsche Meisterschriften oder so, weil es da dann im Endeffekt wirklich rein um die Platzierungen geht. Und ich glaube, ich in so einem direkten Duell Mann gegen Mann dann irgendwie mehr Energie mobilisieren kann oder mich da einfach mehr motivieren kann als für irgendeine Zeit und dann als Zehnther in den Ziel zu kommen.

Henning Lenertz: Du hast jetzt schon ein paar Mal angesprochen, dass du so eine Verletzungshistorie hast. Wie kam das? Also, wenn ich das jetzt so richtig entnommen habe, war es so ein bisschen durch zu viel Training, zu viel Ehrgeiz. Aber da hätte man ja im Zweifel gegensteuern können, was ihr wahrscheinlich auch versucht habt. Aber was waren das so für Verletzungen? Wie lange hat dich das beschäftigt und wie habt ihr es am Ende in den Griff bekommen?

Marc Tortell: Also, vom 2. U18-Jahr bis 2020 war ich, und das 2.U18- Jahr war 2015, war ich eigentlich 5 Jahre in Folge, immer wieder verletzt. Die Ursache, Retrospectiv, ist, glaube ich, relativ eindeutig. Ich habe zu dem Zeitpunkt dual studiert oder war dann so am Ende meiner Schulzeit. Und ich glaube, so ein bisschen diese Doppelbelastung war schon sehr viel dann auch einfach. Zumal, ich glaube ich, ich bin relativ vom Körperbau nicht der allzu robusteste Typ bin. Und das vielleicht dann tendenziell eher weniger wegstecke als jemand, der dann so ein bißchen stabiler einfach von Natur aus schon gebaut ist. Genau, gerade in so Wachstumsphasen auch, ich bin jemand gewesen, der auch relativ spät entwickelt war. Und dann, ich glaub, wenn da alles so zusammenkommt, wundert es mich eigentlich schon, dass es nicht noch schlimmer war. Aber ja, vor allen Dingen in dieser dualen Studiumszeit, glaube ich, da war es halt teilweise so, dass ich dann kurz vor 5 Uhr aufstehen musste, dann um 5 Uhr mein erstes Training gemacht habe, dann 8,5 Stunden gearbeitet habe zum zweiten Training, bin danach und wieder zurück. Und das, glaube ich dann, für den Körper einfach zu viel ist, dass viele Training kamen. Oft auch von mir, also ich war immer derjenige, der dann so war, ja, ich glaube, ich muss mehr machen. Aber auch im Nachhinein darauf geschaut, dass es meistens, ist weniger tatsächlich meistens mehr, auch wenn es so ein abgedroschenes Sprechwort ist. Ja, und ich glaube auch seitdem, also 2020 war dann mein erstes Jahr, wo ich gar nicht verletzt war, hab da meine Bestzeit auch direkt 6 Sekunden verbessern können. Und bin da auch dann damals so international, würde ich sagen, so ein bisschen Anschluss auch gefunden damals 338, was bei euch die Jahresbestleistung war. Heute jetzt mittlerweile laufen alle schon noch ein gutes Stück schneller, inklusive mir zum Glück, aber ja. Und dann eigentlich so die letzten zwei Jahre, glaube ich, war voll, ich bin eigentlich relativ verletzungsfrei, oft ein bisschen von Krankheiten gebeutet, aber das hat jeder so, also ich meine, es gibt auch Jahre, wo man oder eigentlich nie Jahre, wo alles super läuft. Ja, aber ich glaube, so einfach generell mehr, auch Fokus auf Regeneration, nicht auf allen Hochzeiten tanzen wollen, ist auch was, was mir sehr, sehr schwer gefällt oder auch schwergefallen ist, zu realisieren, dass das auch so ein Grund dafür ist. Ist, glaube ich, so was, was auch dazu beigetragen hat, dass es jetzt verletzungstechnisch ein bisschen besser aussieht. Und natürlich irgendwann ist auch so eine Wachstumsphase abgeschlossen. Ich glaube, wenn die Pubertät... Man hat einfach so ein bisschen mehr Testosteron, die Knochen sind fester, dann verletzt man sich nicht allzu schnell, weil die meisten verletzten tatsächlich so Ermüdungserscheinungen wie Achilles-Innen-Probleme, Läuferknie. Ich habe diese ganzen klassischen Sachen eigentlich mitgemacht. Schind-Splints, Ermüdungssbrüche, diese Sachen.

Henning Lenertz: Okay, also einmal das Best-of Läuferverletzung tatsächlich.

Marc Tortell: Genau, ich glaube, bei so einem Bingo war es ständig ganz gut da.

Henning Lenertz: Du hast das Jahr 2020 angesprochen. Das habe ich mir hier in meinen Notizen auch ziemlich dick notiert, weil da irgendwie ziemlich viel passiert ist, zumindest aus meiner Wahrnehmung. Und dir scheint es vielleicht auch ähnlich zu gehen. Du warst dein Leben lang bei einem Verein, der TV Rente heißt. Das ist, glaube ich, so ein lokaler Verein, einfach aus dem Dorf, aus dem du auch stammst, in dem du aufgewachsen bist. Und hast dann im... Selben Jahr, also in 2020, dein eigenes Team gegründet, deinen eigenen Verein, das Athleticsteam Kaben. Wie kam es dazu? Warum hast du gedacht, yo, ich mache jetzt meinen eigenen Verein?

Marc Tortell: Ich glaube, die Leichtartigkeit ist nicht so wie der Fußball, dass man unmittelbar viel Geld damit verdient. Auch nicht, dass es so eine riesige Medienpräsenz hat. Und ich glaube, deshalb ist es für viele kleinere Vereine schwierig, Leistungssport und Breitensport gleichermaßen gerecht zu werden. Und das ist auch, habe ich auch damals gesagt, überhaupt gar kein Vorwurf, weil ich selber überhaupt nicht richtig fände, in einem kompletten Breitenschportverein. Dann jedes Wochenende im Sommer irgendwelche Fahrtkosten abrechnen zu wollen, mit Mitgliedsbeiträgen von anderen Leuten, die diesen Anspruch eben nicht haben. Und auf der anderen Seite, in größeren Vereinen, die auch leistensportlich her angelegt sind, ist es meistens ein Verein, wo einfach große Fußballerabteilungen hinten dransteht. Aber man da einfach auch ein bisschen weniger Flexibilität hat und sich auch in vielen, ja. Ich bin jemand, der den Laufsport an sich sehr gerne hat und das Laufen liebt. Und gleichzeitig, auch das, was ein bisschen bewegen wollte, aber gleichzeitig auch irgendwie das Gefühl hatte, wenn ich jedes Jahr, Jahr für Jahr... Alle meine Wettkampfreisen selber zahlen muss und so weiter, gehe ich hier jährlich mit einem, weiß nicht, echt fünfstelligen Minusbetrag raus. So ein kleines bisschen sollte irgendwie schon übrig sein. Und deshalb habe ich dann mit meinen Eltern und ein paar Freunden, die damals auch gelaufen sind, haben wir diesen Verein gegründet, um eben so ein bisschen Mittelstreckenlauf in Deutschland wieder konkurrenzfähiger zu machen und auch jüngeren Athleten dann perspektivisch so. Ja, Anlaufstelle in Deutschland zu bieten, um eben genau diesen Problemen vorzubeugen und gleichzeitig auch Sachen ein bisschen anders denken. Wer sich den Verein schon mal angeschaut hat, sieht, dass vielleicht die Wettkampf-Tricker ein bisschen unkonventioneller sind. Über lange Zeit auch der Instagram-Auftritt, die Webseite, alles so ein bisschen, wenn ich so will, neu, modischer. Und das war auch so unser Anspruch, ein bisschen auch Leute auf einer anderen Schiene abzuholen. Jetzt nicht nur rein über Leistung, sondern auch zu zeigen, dass nicht nur der Laufsport an sich, aber auch Mittelstreckenlauf eigentlich total cool sein kann und Track so generell und genau das dann in Form von Merchandise und so weiter und so fort auf unterschiedlichen Ebenen und Art und Weise dann auszudrücken.

Henning Lenertz: Ich musste gerade ein bisschen schmunzeln, weil du so geschmunzelt hast, als du erzählt hast, dass das Design der Klamotten so ein bisschen anders ist, weil du es selbst entwickelt hast. Das hast du mal erzählt. Du bist irgendwie so ein kreativer Kopf. Also nicht nur, wenn man dich sieht, merkt man das, sondern auch in dem, was du so tust. Und bevor wir darauf zu sprechen kommen, da gibt es ein paar Punkte. Wollte ich einmal zurück zu dem Verein und du hast gesagt, wir machen das alles so ein bisschen anders. Funktioniert das denn? Also habt ihr Geldgeber gefunden? Weil irgendwie, wenn man nicht einen Riesenverein hat mit vielen Mitgliedern, die quasi Mitgliedsbeiträge zahlen, um ein paar wenige Fahrtkosten und so zu erstatten zu können, funktioniert es halt nicht. Und das habt ihr nicht. Wie habt ihr das angestellt? Funktionier das? Ist das nachhaltig?

Marc Tortell: Ja, gute Frage. Also ich möchte schon sagen, es ist mit sehr viel Aufwand verbunden. Und das ist so ein bisschen das Problem dabei, weil eben die Athleten, also es war von vornherein schon klar, aber wenn man eben Sachen anders machen möchte und Sachen neu machen möchte, dann ist es immer mit sehr viele Arbeit verbunden und wenn eben keine großen Geldgeber im Hintergrund sind oder dann einfach so ein System, auf das man zurückgreifen kann, dann wird die Arbeit meistens bei einem selber hängen. Und weil wir auch gesagt haben, okay, als Sport dann auch gegründet, dass wir da auch selber mitwirken wollen und da Sachen verändern wollen, es ist dann eben schwierig, wenn man dann teilweise 3-fach Belastung hat mit Training, was eigentlich dann ja schon teilweise ein Vollzeitjob ist, dann im Zweifel noch eine Ausbildung oder Arbeiten und dann noch einen eigenen Verein, den man irgendwie leiten muss und da sich um alles kümmern muss. Ja, also ich mache es sehr gerne, aber es ist jetzt auch in letzter Zeit, weil da bei mir noch ein paar andere Sachen dazugekommen sind, auch beruflich schwierig, dem eigenen Anspruch gerecht zu werden, insofern man da keine riesigen Geldgeber hat, also falls jemand den Podcast-Leuten investieren möchte, gerne. Aber ja, es ist schon Hasse, muss man schon sagen.

Henning Lenertz: Okay, also noch hat das Konzept, was du dir ausgedacht hast, nicht so richtig funktioniert. Also du hast das irgendwie kreiert und gemacht und es gibt Athleten, die für den Verein starten, aber es ist nicht so, dass ihr sagt, jo, alles klar, wir können 3-mal im Jahr ins Trainingslager fahren.

Marc Tortell: Ja, also ich glaube für den Zeitraum, also wo ich jetzt auch Sport mache, gemacht habe, funktioniert es in einem gewissen Rahmen. Es ist nicht so, dass es ein Pro-Team ist, aber ich glaube, das ist auch jetzt nicht, also es ist sehr, sehr schwer umzusetzen. Ich meine, die Pro-Teams, die heutzutage existieren, sind alle von irgendwelchen Marken unterstützt und wo wir dann Millionen drinstecken, das ist einfach nicht möglich. Aber ich glaube, jetzt so verglichen mit auch anderen Vereinen, sportlichen Vereinen auch teilweise Vereine mit einer leichtjährigen Sparte, würde ich sagen, das ist unsere Unterstützung für die Athleten und schon sehr gut, dass der Athlet da auch immer im Vordergrund steht. Also bei uns ist es jetzt nicht so, dass irgendwelche Funktionäre oder so davon profitieren, sondern halt alles, was da ist, geht an die Athlete. Aber ich weiß nicht, inwiefern es nachhaltig ist, wenn ich es nicht vollzeitmäßig weiter betreiben würde. Also wenn ich jetzt nach meiner sportlichen Karriere sage, okay, ich nehme jetzt drei Jahre Zeit und würde alles an meine Arbeit in die Vereine stecken, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass es gut funktionieren würde. Ich weiß aber nicht, ob das der Weg ist, den ich dann einsteigen werde, aber bis dahin muss man mal schauen. Also ich wusste das von Anfang an, dass es nicht so einfach sein wird, weil sonst hätte es jemand anderes schon gemacht. Wir haben jetzt auch das Radier da nicht erneu erfunden. Für den Moment läuft es oder für den Moment ist es eigentlich gut gelaufen, aber es ist schwierig und es ist sehr viel Arbeit und ich glaube nicht, dass das so nachhaltig ist, wenn man es auf dem Rahmen betreibt, wie wir es jetzt betreiben.

Henning Lenertz: Was würdest du dir denn allgemein wünschen, wenn man jetzt sagt, okay, Nachwuchs, Leistungssport, Profi, Leichtathletik, was muss da strukturell passieren, wenn man so einfach rumspinnt, um das ganze System in Deutschland zu verbessern? Ich nehme immer an, du hast dir da Gedanken gemacht, weil ansonsten wärst du ja nicht auf die Idee gekommen, einen eigenen Verein zu gründen, der so ein bisschen anders funktioniert. Weil, dass es Probleme gibt in den Strukturen, die wir hierzulande haben, in der Förderung, wenn man jetzt an Kada und Norm etc. Denkt, das ist ja allgemein hin bekannt. Was sind da so deine Gedanken zu?

Marc Tortell: Ich glaube, dass mittlerweile gerade wie es aktuell ist, man mehr oder weniger nur zwei Wege einschlagen kann. Und der eine ist, man ist gut genug, um von einem Pro-Team gesigned zu werden. Dann verdient man für den Zeitraum, in dem man den Sport ausübt, genug Geld, um das sorgenfrei machen zu können. Und überlegt sich... Oder währenddessen, was man daraufhin beruflich machen möchte. Die meisten bleiben ja auch dann irgendwie im Sport. Aber leistungstechnisch ist das wahrscheinlich der sicherste Weg. Das schaffen aber eben nur ganz wenige. Und ich habe so ein bisschen das Gefühl, dass auch dadurch, weil diese Professionalisierung da extrem vorangetrieben wird durch diese Teams, diese Lücke zwischen der Breite und der Spitze einfach größer wird. Der andere Weg ist halt... Sich selbst zu organisieren. So ein bisschen, wie ich es auch gemacht habe. Ich glaube, es muss jeder einfach dann für sich so ein bisschen auch wissen, was er generell möchte, was er abseits des Sports auch, glaube ich, für sich möchte. Weil so eine Pro-Team-Variante dann schon wirklich sehr, sehr viel verzichtet auch im sozialen Bereich. Bedeutet mit mehreren Monaten im Trainingslager, im Jahr seine Familie vielleicht. Insgesamt 15 Tage im Jahr sehen. Freundinnen auch sehr schwer. ETC, ETC. Und die andere Variante ist aber eben mit sehr viel Aufwand verbunden, mit Eigeninitiative. Und ich glaube, dass es in anderen Ländern besser funktioniert, wenn man sich die Leistungen anschaut. Aber ich glaube dass das teilweise nicht nur finanzielle Natur ist, sondern es ist auch einfach so eine Historie von, glaube ich, Trainern. Da existiert die in Deutschland teilweise nicht so ist. In Deutschland haben wir vielleicht ein, zwei Trainer, die international erfolgreiche Athleten trainieren. Viele Trainer, die trotzdem Athleten zu sich holen, obwohl vielleicht objektiv an den Leistungen gemessen weniger Qualität. Entweder der Athlete oder der Trainer da ist, aber zumindest nicht die Leistungen rauskommen. Und den Athleten, die aber dann nicht zu diesen Trainern wechseln oder nicht zu den Bundes-Trainern wechseln, oft Steine in den Weg gelegt werden. Und ich glaube das ist dann sehr schwer, wenn du schon alles alleine machst und dann noch so ein bisschen Steine im Weg gelegt bekommst. Das ist halt fast unmöglich, da irgendwie international Anschluss zu finden. Wenn ich mir jetzt irgendwie England anschaue, wenn ich mir Spanien anschaure, wenn ich mich Frankreich anschauche. Ich muss jetzt sagen, im Athletenbereich funktioniert es auch da. Ich weiß jetzt aus Spanien, dass auch nicht sehr viel mehr Geld drin steckt. Aber, und das ist der letzte Punkt auch, wo ich glaube, dass noch mehr Potenzial einfach in der Jugendarbeit drin steigt, ist, dass einfach deutlich höhere Medienpräsenz hat. Dass fast jeder Wettkampf, der in dem Land stattfindet, in öffentlich-rechtlichen Fernsehens gezeigt wird. Dass die Leute da... Oder dass die Leistung einfach einen deutlich höheren Stellenwert in der Gesellschaft hat. Wenn man jetzt hier eine Umfrage bei der Tagesschau starten würde und fragen, wie viele Leute, weiß ich nicht, irgendeinen zweitplatzierten, drittplatzierten bei deutschen Meisterschaften kennen, würde ich mal schätzen, dass die Umfrage relativ traurig aussehen würde. Das werden nicht viele sein, ne? Richtig. Es mag vielleicht auch ein bisschen an Charakter anliegen, weil eben Leistungssport bedeutet, dass man... Schon, glaube ich, nicht die allerextrovertierteste Person sein kann. Weil einfach sehr viel Verzicht, glaube ich, so mit der Leistung oder mit dem Training kommt. Und da einfach man so nicht auf, wie ich schon vorhin gesagt habe, auf allen Hochzeiten tanzen kann. Und da extrem viel Soziale unterwegs sein kann, aber ich glaube trotzdem, dass einfach, wenn das schon im Fernsehen mehr gezeigt werden würde... Oder in Zeitungen einfach mehr stattfindet, dann sieht es schon anders aus. Und dann wiederum interessieren sich auch jüngere Generationen dafür. Vielleicht jetzt nicht zwangsläufig im Fernsehen, aber einfach, es gibt ja unterschiedliche Plattformen. Und dann gibt es einfach eine größere Breite, auf die man zurückgreifen kann. Aber so, wie es jetzt ist, wobei ich sagen muss, ich glaube auch durch diesen generellen Gesundheitstrendlauf, sieht es nicht schlecht aus. Aber ich glaube trotzdem, dass die Jugendarbeit, dass man da viel mehr machen könnte. Also auch in Schulen zum Beispiel gehen, so Talentsichtungen. Und auch Kinder in dem Alter logst du halt nicht, wenn du sagst, du kriegst irgendwie ein Handtuch geschenkt, wenn du hier Erster wirst bei irgendeinem Wettkampf. Da muss dann eigentlich auch schon ein bisschen mehr geliefert werden, weil es dann einfach extrem viele andere Möglichkeiten gibt, die extrem lukrativ oder sozial akzeptierter und interessanter sind. Das hat, glaube ich, an unterschiedlichen Stellen geschraubt werden könnte.

Henning Lenertz: Definitiv komplexes Thema. Es gibt nicht so die eine Begründung dafür, warum es nicht funktioniert. Aber definitiv fehlt es an Geld, woher das nun auch immer kommen soll. Weil wenn man Profisportler sein möchte, dann muss man eben von dem Sport auch leben können. Das ist in der Regel ja gar nicht der Fall. Wie viele deutsche Top-Athleten können wirklich vom Laufen allein leben? Da gibt es nicht so viele. Sehr wenige. Wie ist die Situation bei dir seitens Förderung? Und wie finanzierst du dich?

Marc Tortell: Also ich kriege gar keine Förderung. Ich bin nicht im Bundeskader. Und kriege auch vom Hessischen, auf Landesebene keine Fördernung. Also ich habe da schon immer einen relativ unkonventionellen Weg gewählt, glaube ich, weil ich auch keine Interesse hatte, beispielsweise zur Polizei zu gehen. Was ja auch, glaube ich mit dem Sport sehr gut zu vereinbaren ist in der Sportsolle der Gruppe. Aber ich mich da nach dem Sport einfach nicht so gesehen habe. Und genau, habe momentan eigentlich so drei Standbeine. Einmal das Laufen an sich, was beim Verein einfach ein bisschen rumspringt. Dann Preisgelder in einem geringen Rahmen und Sponsoringverträge. Dann habe ich ein Designstudio mit einem Kumpel, wo ich kleinere Aufträge... Ab und an annehme. Muss dann auch immer ein bisschen geschaut werden jetzt in der Saison. Ist dann einfach ein bisschen ruhiger. Aber das ist etwas, was ich auch Stück für Stück weiter aufbauen möchte und wo ich auch perspektivisch mich eher sehe. Und dann eben mein Social Media, wo ich seit Mitte letzten Jahres mehr mache und sagen muss, das ist eigentlich so, das ist was am lukrativsten ist. Und wo man, glaube ich als Sportler... Heutzutage nicht drum herum kommt, wenn man sich finanziell selber gut aufstellen möchte.

Henning Lenertz: Ja, nur von Preisgeldern wird es ganz, ganz schwierig. Sehr, sehr eng, ja. Nur über Leistung an Partner kommen, an Geld geben, ist auch sehr, sehr schwierig, wenn man nicht in den sozialen Netzwerken stattfindet. Genau, da sind viele Leute unterwegs und da kann man die Leute erreichen. Weil genau wie du sagst, in der Sportschau wird unser Sport nicht stattfinden in der Regel. Und da muss man halt sich andere Kanäle suchen. Also ist das für dich auch wirklich... Arbeit. Also wenn du jetzt einen Instagram-Post machst, beziehungsweise da einfach generell dein Konto betrachtest und schaust, wie viel... Wie erreiche ich möglichst viele Leute? Wie erzähle ich spannende Geschichten? Wie mache ich mich selber spannend? Ist das schon etwas, was du als Arbeit siehst?

Marc Tortell: Ich würde sagen, ich habe einfach das Privileg, dass ich etwas Arbeit sehr gerne mache. Ich sehe es nicht... Ich habe es für eine lange Zeit gar nicht als Arbeit betrachtet. Aber ab dem Zeitpunkt, wo man dann auch Verpflichtungen hat, Kooperationen hat, wo dann auch Deadlines sind, Sachen gefordert werden, dann wird es schon zur Arbeit oder ab dem Punkt, wo auch man dann damit Geld verdient. Und... Ich würde jetzt nicht sagen, dass jeder Post für mich Arbeit ist. Aber sich nach einem Long-Run noch eineinhalb Stunden hinzustellen und irgendwelche Outfits zu shooten und Videos zu machen, würde ich jetzt nicht zwangsläufig machen, wenn es keine Arbeit wäre. Aber es sind trotzdem Sachen, die ich gerne mache. Und ich versuche auch, meinen Account so nah wie möglich an mir als Person dann zu behalten und das nicht aufzusetzen. Weil es ja auch irgendwie mich als Marke dann repräsentiert. Und ich gerne einfach natürlich so wahrgenommen werden möchte, wie ich eben bin. Aber... Ja, ich glaube, je mehr man damit verdient oder je größer die Reichweite ist, desto mehr Arbeit steckt dann eben auch drin oder desto viel Arbeit fällt an. Aber ich glaube, das ist ja wie in allen anderen. Berufsfeldern auch. Es sind halt jetzt so, was mich angeht, zwei unkonventionelle Berufsfeld mit Leistungssport und Social Media, was glaube ich von vielen Leuten jetzt auch nicht zwangsläufig als Job wahrgenommen wird. Aber wenn ich mir die Stunden aufschreiben würde, die in der Woche draufgehen für Content-Erstellung, Konzeption, Training, Recovery, würden sich glaube ich einige wundern, dass es schon ein bisschen mehr ist als Spaß.

Henning Lenertz: Ja, also genau. Man muss da halt Zeit investieren, um, wenn man das gut machen möchte, dann nochmal viel mehr. Und genau, wenn das eine Möglichkeit ist, zusammen in der Kombination mit dem Sport, mit dem Laufen, dann ja, sich als Profisportler über Wasser zu halten, dann macht man das halt. Vor allen Dingen, wenn so ein kreativer Kopf ist wie du, der Bock drauf hat und da auch noch lustige Inhalte. Apropos kreiert, du hast das Designstudio gerade kurz angesprochen, was du mit dem Kumpel hast. Was genau macht ihr da für Sachen, Webseiten, Mode? In welche Richtung geht das?

Marc Tortell: Wir machen Branding und VFX. Hauptsächlich VFX sind so 3D-Animationen, sowas. Genau, ich selber habe Kommunikationsdesign studiert. Er hat so 3-D-Design gemacht. Kommunikationdesign ist ja relativ allumfassend, wo man sich selber im Studium die Schwerpunkte setzen kann. Meine Bachelorarbeit war da eine Merchandise-Kollektion, weil ich da auch durch den Verein so ein bisschen mit Mode im Sport hatte. Das ist etwas, was ich sehr, sehr gerne mache. Genau, ich habe aber neben dem und der Erfahrung, die ich dann damit gesammelt habe, auch mein Steckenpferd beim Branding und auch ein bisschen Editorial. Er macht so die 3D-Geschichten. Dadurch, dass eben auch sehr viel über Social Media bei mir geht. Da habe ich auch ganz gute Kenntnis, was Fotografie und Videografie angeht. Aber man muss dann auch an der einen oder anderen Stelle sagen, wenn man einen professionellen Auftrag hat, dann holen wir uns immer noch einen extra Fotograf oder Videograph dazu. Wenn es so Social Media Content ist, dann ist das was, also ich kann gut mit der Kamera umgehen. So ist es jetzt nicht. Das ist auch Teil meines Studiums gewesen, aber das ist einfach nicht mein größtes Steckenpferd. Genau, aber Branding und VFX sind so die Sachen, die wir hauptsächlich machen.

Henning Lenertz: Ein Ergebnis deiner Kreativität habe ich hier auch tatsächlich gerade in den Fingern. Das ist tatsächlich das erste Mal, wo ich eigentlich mit dir in Kontakt kam. Das ist mir jetzt dann wie Schuppen von den Augen gefallen. Das ist dein Spiel Runners High. Ich habe hier eine Karte in der Hand. Ich sage jetzt einfach mal so eine Art Quartettspiel mit deutschen Profiläuferinnen und Profilläufern. Da sind 96 verschiedene Athletinnen und Athleten drin. Mit dann halt verschiedenen Kategorien. Ausdauer, Schnelligkeit, Stärke, Tempo, Härte. Du selbst gibst dir bei Tempo Härte 87 von 100 Punkte. Bei Stärke nur 39. Wie kamst du auf die Idee, so ein Quartett zu machen? Das war ja glaube ich 2020, auch so während Corona Pandemie. Dann gab es auf einmal dieses Spiel. Ich glaube, man konnte es vorbestellen. Und du hast dann, wie viele, wie kamst Du auf die Ideen? Fangen wir damit erstmal an.

Marc Tortell: Ja. Also ich habe immer als Kind mega gerne alle möglichen Sachen gesammelt. Ich liebe Pokémon Karten, Yu-Gi-Oh Karten. Diese Match-Attacks Karten und das ist auch ein bisschen inspirierter. Das sind dann eben vom Fußball diese Spielerkarten gewesen, wo dann unterschiedliche Punkte vergeben wurden und die geglitzert haben und was weiß ich. Und ich dachte mir einfach, das ist total cool, sowas auch für die Leichteiligung zu haben. Und das ist auch im Endeffekt der Ansatz wie mit dem Verein und den ganzen Sachen, die ich auch vorher gesagt habe, dass man dem Sport auch irgendwie so ein bisschen was zurückgeben will und da auch glaube ich unkonventionell auf anderen Ebenen mehr Veraufmerksamkeit zu erlangen kann. Und es war einfach etwas, was ich selber gerne hatte. Ich fand es damals mit meinem... WG-Kumpel, WG Mitwohner gemacht. Und wir hatten einen halben Spaß daran, uns dann auch Attacken für die jeweiligen Läufer halt auch zu denken. Und wir haben dann so eine Excel-Tabelle aufgestellt, wo wir anhand der unterschiedlichen Ergebnisse auf den unterschiedlichen Disziplinen eben Werte vergeben haben und die dann auch für die einzelnen Kategorien entsprechend angepasst haben. Und das war noch vor meinem Designstudium. Das war zwischen meinem International Business und meinem Design-Studium. Und hat mir so ein bisschen, glaube ich, die Türen geöffnet dann für das Design- Studium, weil ich da sehr, sehr viel Spaß zusammen hatte. Und das auch Teil meiner Mappe war, mit der ich mich dann im Endeffekt bevormen habe.

Henning Lenertz: Also das hat tatsächlich dann auch im reellen Leben was gebracht. Wie gesagt, da sind 96 Athletinnen und Athleten dabei mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen in verschiedenen Kategorien. Wie war da so die Rückmeldung? Ich kann mir vorstellen, dass sich alle damit einverstanden waren, wie sie von wem auch überhaupt... Hast du die Leute bewertet? Also wie habt ihr die Bewertung hinbekommen?

Marc Tortell: Es war tatsächlich relativ, also schon sehr objektiv. Wir haben uns die Bestzeit angeschaut, dann die Rankings in den unterschiedlichen Meisterschaften und dann, ich meine, als Athlet, wenn man selber in der Bubble ist, kann man das ja auch sehr, sehr gut einschätzen, ob das jemand ist, der eher ausdauermäßig stark ist und dem Sprint nicht so gut oder andersrum. Und genau, haben wir uns dann auch dafür Unter- und Überdienstleistungen angeschauen. Und haben jeder Karte einen Gesamtwert gegeben. Und dann sind wir die anderen Kategorien abgegangen und haben das dann auch jedes Mal in Relation mit den jeweiligen Disziplinen-Konkurrenten gesetzt. Also ich würde sagen, da ist jetzt keiner sehr schlecht weggekommen. Tatsächlich gab es keine negative Rückmeldung. Also bevor das Spiel rausgekommen ist... Ich muss natürlich jeden auch um Erlaubnis fragen, auch wegen den Bildern und so weiter und so fort, an der Person. Ich glaube, bei der Läufer... Es gibt eine Sprinteredition und Läuferedition. Bei der Sprinter-Edition haben, glaube ich, zwei, drei nicht zugesagt oder einfach sich nicht zurückgemeldet oder so. Bei der Lläuferedition waren alle dabei. Krass!

Henning Lenertz: Das ist schon verrückt, dass sich 96 Leute dann dazu bereit erklären, das cool finden.

Marc Tortell: Nee, mega cool. Fand ich auch super cool. Von der ganzen Lauf-Community so auch. Ich glaube, das zeigt auch, dass man da auch so relativ nah zusammen ist und jeder da froh ist. Ja, eben solche Projekte. Und genau, dann haben wir jeden anderen gefragt. Manche meinten dann auch, ich sehe mich hier noch ein bisschen stärker, aber wenn du einmal anfängst, rumzukorrigieren, dann kriegt jeder 95. So geht es halt auch nicht. Und wir haben dann auch... Teilweise, wenn da jemand so eine Rückmeldung gegeben hat, hat man sich das halt nochmal angeschaut. Aber ich würde sagen, innerhalb von jeder Disziplin, also wenn man alle 15 Meter Läufer nimmt, zur damaligen Zeit, es ist trotzdem auch 5 Jahre her, also die Werte sind jetzt nicht mehr... So aktuell, aber für diese Saison, würde ich sagen, das ist sehr, sehr objektiv. Und dass es nicht einfach war, ja, okay, dem gebe ich 90, dem 80, sondern dass wir uns das schon sehr genau angeschaut haben und da auch eine Liste gemacht haben, der hat 77, der hat 76, passt das so, passt von den Bestzeiten.

Henning Lenertz: Wie würdest du denn deine Entwicklung jetzt einschätzen? Also was hat sich da in den letzten 5 Jahren bei dir getan, bei den verschiedenen Kategorien? Zur Ausdauer hast du dir damals 78 gegeben, Schnelligkeit 69, Stärke 39, Tempohärte 87.

Marc Tortell: Hat sich da was getan? Ich würde sagen, da hat sich ein bisschen was getan. Vom Grundprinzip hat man, wenn man so ein Athletenprofil hat, jetzt glaube ich auch so gewisserweise auch ein bisschen genetisch, dass ich jetzt nicht Bodybuilder werde, war mir glaube ich damals klar, wenn man mich heute anschaut, immer noch klar. Aber ich würde sagen vor allen Dingen im letzten Jahr habe ich deutlich mehr an Stärke gewonnen, weil ich jetzt regelmäßig 2 Mal die Woche. Wenn ich jetzt auch ins Gym gehe, am Anfang zu meinem Leidresen mittlerweile mache, würde ich fast schon so weit gehen und sagen, es macht mir Spaß. Tempohärte würde ich nach wie vor sagen, dass das eigentlich mein größtes Talent ist, dass ich sehr viel Laktat bilden kann. Vielleicht ein bisschen weniger als damals, weil ich jetzt das auch ein bisschen mehr mit Ausdauer kompensiere und wir weniger von diesen ganz laktathaltigen Sachen trainieren. Ausdauern ist in diesem Jahr ein gutes Stück besser geworden. In den Jahren davor vielleicht ähnlich oder fast ein Tick schlechter. Und Schnelligkeit ist auch ein Tic besser, würde ich sagen, aber einfach neben dem Umstand geschwindet, dass ich mehr Kraft habe. Nicht weil meine Sprintechnik besser ist, zum Glück mache ich das nie. Aber ihr wollt mich nicht starten sehen. Wenn ich einmal laufe, dann sieht es ganz gut aus, aber am Start bin ich relativ lange.

Henning Lenertz: Meinst du, er ist aus dem Block? Tiefstein, Spinden? Ja, okay. Dafür ist dein Laufstil, wenn du einmal läufst, ein sehr federn, ein sehr schöner Laufsstil. Ich glaube, es gibt niemanden, der dich laufen sieht und sagt, das sieht seltsam aus, was macht der da? Man kann dir sehr gut beim Laufen zuschauen, um das hier einmal ein bisschen rumzuschleimen. Thema Ausdauer. Du hast gesagt, du hast ein bisschen deine Ausdauer verbessert. Das ist gut, weil du bist ja jetzt auch offiziell Marathonläufer. Du bist letztes Jahr, da muss er selber lachen, ich muss auch ein bisschen lachen. Letztes Jahr beim Berlin-Marathon bist du deinen ersten Marathon gelaufen, von der Bahn auf die Straße gewechselt. Das war aber nicht so richtig ernst gemeint. Das konnte man dann im Nachhinein sehr gut in den diversen Stories und Reels, die du bei Instagram hochgeladen hast, doch sehr freundlich sehen. Warum bist du letztes Jahr überhaupt gestartet und wieso habt ihr, hast du das mit deinem Kumpel Romain so gemacht, wie ihr es gemacht habt?

Marc Tortell: Ja, also folgendermaßen. Ich hatte eine Kooperation mit Adidas für den Berlin-Marathon und genau, habe mir dann gedacht, okay, ich mach das ganz entspannt. Ich laufe einfach so um die 2 Stunden 40. Ich denke, dass ich das auch so ganz gut hinkriege. Und mein Kumpel Romain, mit dem ich auch sehr viele Sachen filme und miteinander auch trainiere, den hatte ich gefragt, ob er was hatten zu laufen und er war so, ja. Warum eigentlich nicht? Das war erstmal der Plan. Meine Saison war, glaube ich, so 2 Wochen, 2,5 Wochen vorher zu Ende. Eigentlich schon mit deutlich schlechter werdenden Ausdauerwerten. Ich glaube, eher mit einer 800m Shape als mit einer 1500m Shape aufgehört die Saison. Hab dann 3 Tage nach meinem letzten Rennen einen 30km Long Run gemacht. Mit einer 3.33 Race, glaube Ich. War hinten raus schon recht anstrengend, aber so lief ganz gut. Dann hab ich mir gedacht, okay, ich muss mir keine Sorgen machen, ich werd ins Ziel kommen, weil ich einfach noch einmal wissen wollte, schaff ich überhaupt 42km lang zu laufen. War dann guter Dinge, wenn ich so ein bisschen langsamer laufe. Und bin daraufhin in den Urlaub gefahren mit Freunden. Hab in der Zeit gar nicht trainiert, in der Woche Berlin Marathon. Ich glaube, 8 Tage vorher sind wir zurückgekommen. Dann bin ich einmal in der 10 gelaufen. Dann in Berlin bin ich mal in der 12 gelaufen, und dann hab ich schon ein bisschen Muskelkaller bekommen. Das wird nicht so gut. Dann standen wir auch an der Startlinie und dachten eigentlich so, okay, ich hab ihm vorher noch so gesagt, ey, bitte lass uns nicht schneller als 3.50 anlaufen. Er so, ja, ja. Mein Coach hat gesagt, 3.45 maximal, so ein bisschen gesteigert vielleicht. Ich mach's an, mach'n doch mal raus. Okay, gut, gut. Und dann war es aber so eine krasse Stimmung da, und es war irgendwie halt...

Henning Lenertz: Überraschung, Stimmung in Berlin, der kann damit rechnen.

Marc Tortell: Ja, also, so, dass eine krasse Stimmung da sein wird, haben wir uns schon gedacht, aber es war auch vor uns beide, also das erste Mal, dass wir einen Teil auch von so einem großen Straßenlauf fahren, ich muss schon wirklich sagen. Also, so als Lauf-Experience war schon eine coolsten Erfahrungen, die ich, glaube ich, jemals gemacht habe. 42 Kilometer lang gab's keine 100 Meter, wo niemand stand. Also es war wirklich packed vom Anfang bis zum Ende. Und, wir standen halt relativ weit vorne, weil wir halt, also an der Seite über so einen Zaun rein sind, weil wir auch wussten, wir waren auch beide statt DOC A allein wegen der Halbmarathon Zeit, die er auch stehen hatte und die angegeben hatte, von der ich wusste, dass ich sie laufen kann. Und, ja, das ist natürlich den ersten Kilometer, weil die Leute haben von hinten auch gedrückt, da kannst du eigentlich 3.50 dann loslaufen, weil, die halt... Auch dann echt schnell losgelaufen sind, wir wussten das nicht. Aber wir standen so im Startbereich und haben so rechts und links gefragt, ja, wie wollt ihr schnell laufen? Ah, 2 Stunden 15, ah, 2 Stunden 20, wir waren so, oh! Und, ja sind dann die ersten zwei, drei Kilometer, so 3.29 3.30 oder so gelaufen. Wir waren halt schon mal stabile 15 bis 20 Sekunden schneller als die eigentlich Target-Face. Und dann wollte ich immer wieder langsam laufen, aber, so, weil so viele Leute da waren, die auch angefeuert haben, sind wir immer so nach 100, 200 Meter halt wieder in unseren Schritt reingefallen, weil wir halt auch die Leute dann mitanimiert haben. Ja, man muss den Leuten am Rand ja auch ein bisschen was bieten, so. Und dann ist halt eins zum anderen gekommen und irgendwann war ich bei Halbmarathon in einer Stunde 10, 11, irgendwie so oder 12, weiß nicht mehr.

Henning Lenertz: Ich glaube es war ein 1, 11. Ich habe mir eben das Real nochmal angeschaut. Irgendwas, 1, 11, irgendwas, naja.

Marc Tortell: Ja, und ich wusste schon, dass das ein ganz schwieriges Unterfangen wird, dass ich irgendwann richtig wegplatzen werde, aber die Vibes waren gut. Und ich habe mir dann zu dem Zeitpunkt gedacht, okay, jetzt bringt es auch einfach nichts mehr, langsamer zu laufen. Also das Kind ist schon lange im Brunnen gefallen, das ist wahrscheinlich bei Kilometer 5 schon im Brunn gefallen. Und ja, wir haben dann munter weiter auch gefilmt, weil das war ja der eigentliche Job. Also das war der eigentlich Grund, wie sie überhaupt gelaufen sind. Und bei Kilometer 30 habe ich dann echt gemerkt, dass es gar nicht mehr so rund läuft. Und bei Kilmeter 35 habe ich gesagt, ey, lauf du. Also es geht wirklich nicht mehr. Und das waren tatsächlich, glaube ich, so die letzten 7 Kilometer waren schon sehr, sehr lange getan. Ich glaube, das waren die längsten 7 Kilometern, die ich jemals hatte. Habe dann auch ab da an jeder Verkündigungsstation angehalten und kurz eine Pause gemacht. Erst dann mit 2,21 ins Ziel. Ich habe noch Freunde bei Kilometer 40 getroffen, denen ich vorher gesagt habe, ah, stellt euch mal dahin mit einem Bier, so, ich komme dann dahin. Ich dachte halt, dass ich ein bisschen entspannter bei Kilmeter 40 ankomme. Organisch war ich topfit, aber alle Bilder, die entstanden sind, sind da um den Dreh entstanden. Mir ging es mega gut, aber ich habe das Gefühl gehabt, ich konnte meine Beine nicht mehr vom Boden wegheben. Also so ein Gefühl, das sind ungefähr die letzten 50 Meter von so einem 8 Kilometer Lauf, aber 7 Kilometer lang. Und habe dann noch ganz kurz eine Pause gemacht, bin so 500 Meter später die Bande reingekippt und war so, ok, jetzt bleibe ich nicht mehr stehen. Es sind noch ungefähr 1,5 Kilometer bis ins Ziel, das schaffe ich irgendwie. Ich konnte mich auch nicht erinnern, wie ich durchs Drachenbeutel gelaufen bin. Ich bin dann irgendwann am Ziel angekommen und ja, ist mit 2,21 gelaufen, nicht mit 2.27, nicht geplant, auch nicht empfehlenswert, aber es hat sehr, sehr, sehr viel Spaß gemacht und ich glaube, ich würde sagen, so eine Stunde später war ich schon so ok. Das werde ich nochmal machen, auch wenn ich da noch große Schmerzen hatte und erstmal einen Nap machen musste.

Henning Lenertz: Ja, ich habe den Marathon auf jeden Fall nicht ernst genommen. Also das muss man sagen. Also klar, wenn man auf dem Niveau läuft wie ihr und normal, gut, du hattest jetzt eine Saisonpause, aber du meinst ja, Romain, irgendwie 160 Kilometer Wochen und selbst wenn man eigentlich dann Marathon Läufer ist, dann kommt man schon durch den Maraton durch, aber wenn man dann natürlich zu schnell läuft, dann wird es auch für euch richtig, richtig hart. Ich glaube, so die Stimmung von außen und das, was ihr dann da so gemacht habt, das kam schon sehr, sehr gut an und ich kann mir auf sehr viel Spaß machen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das viel Spaß macht einem selbst. Wie war das so bei euren Mitläufern? Weil, ich meine, die Leute, mit denen ihr da 1.11 durch einen Halbmarathon durchgegangen seid, die hatten das Ziel 2.22 im Marathon, was schon echt flott ist und die liefen ja am Limit. Die hatten ja nicht den Scheiß im Kopf, den ihr im Kopf hattet. Und ich kann mir vorstellen, bzw. Ich weiß es aus erster Hand, weil einer meiner Athleten, der liebe Jan, war genau bei euch in der Gruppe und der war echt froh, als ihr dann irgendwann mal weg wart. Boah, der Arm. Das tut mir leid. Das tut mich leid für Jan. Habt ihr das wahrgenommen, dass das so in der Gruppe, dass sie das nicht so geil finden?

Marc Tortell: Also, ich muss sagen, im Nachhinein haben uns echt relativ viele Leute geschrieben und haben sich bedankt dafür, dass wir soviel Stimmung gemacht haben, als auch für die Zuschauer am Rand, weil wir die Leute immer dann auch sehr arg animiert haben. Ja, für die Leute, denen das stört, tut es mir leid, weil unsere Absicht ist, da niemanden seine Rennzimmer saunen zu malzen. Also, ein Marathon ist schon etwas, worauf man lange nicht trainiert.

Henning Lenertz: Also, während des Rennens habt ihr das nicht wahrgenommen.

Marc Tortell: Nee, also es war auf keinen Fall mutwillig so. Während des Rennens haben wir das absolut nicht wahrgenommen. Es war auch über weite Strecken. Also, wir waren immer mal in einer anderen Gruppe, weil wir halt mal schneller, mal langsamer waren. Und wir haben als Leute, als wir ein bisschen schneller geworden sind und dann Leute mit uns teilweise dann vorgelaufen sind, haben wir auch so gesagt, ey, also, lauft nicht. Mit uns hier mit, bzw. Lauft mit, aber verlasst euch nicht darauf, weil wir laufen absolut keine gleichmäßige Pays. Nur, dass ihr Bescheid wisst. Also, während des Laufs habe ich gar nicht so wahrgenommen und das Feedback danach war eigentlich auch von vielen Seiten, auch im Ziel teilweise positiv. Viele von denen, mit denen ich über lange Zeit gelaufen sind, sind dann vor mir ins Ziel gekommen, weil ich eben rausgeplatzt bin. Ja, aber tut mir leid, wenn wir da Leute irgendwie gestört haben. Das war auf jeden Fall nicht unsere Reue.

Henning Lenertz: Ich glaube gestört nicht, aber du weißt ja, wie es ist, wenn du halt voll am Limit bist und dich auf dich setzt, konzentrierst und merkst, ey, da geht's Leuten in dieser Gruppe deutlich, deutlich besser und die haben richtig viel Spaß. Ist halt was anderes. Du bist ja dann noch einen Marathon gelaufen in Boston und der war ein bisschen schneller und da bist du aber auch losgelaufen wie ja. Wie ein Irrer. Ich glaube, du warst der erste Nicht-Profi dann in dem, also es ist ja so ein Blöcken in Boston. Und es geht ja sehr, sehr lange doch recht steil bergab und du bist glaube ich den ersten Kilometer, da hast du 100 Meter Vorsprung am Ende. Also du bist da sehr, sehr schnell runter. Wieso, weshalb, warum Boston und wieso auch da so eine Harakiri-Aktion.

Marc Tortell: Ähnliche Geschichte. Auch da bin ich mit Adidas da gewesen. Ich war eigentlich in der Vorbereitung für die Autosaison, aber habe, wie du es vorhin auch schon gesagt hast, ja so ein bisschen mit dem Profisport nicht abgeschlossen, aber einfach ein bisschen andere Prioritäten gehabt. Und Adidas hat mich angefragt wegen der Kooperation für Boston und das ist für mich dann gerne gemacht, weil ich einfach, weil ich wusste aus Berlin, dass es auch Spaß macht. Und genau, habe am Tag vorher noch Tempoläufe gemacht. Also das habe ich gar nicht vorausgenommen. Die Woche danach habe ich relativ ruhig gemacht, weil wir die Woche darauf ins Trainingslager sind. Genau, in Boston war es so, da war ich alleine. Ich habe mir vorher so mein Konzert zurecht gelegt, dass ich so ein paar Side-Quests mache. Und tatsächlich den Start gewinnen, weil keiner von denen vorher überlegten Side-Quests. Das hat sich zufällig ergeben. In Boston ist es ja so, dass man da rausgefahren wird aus der Stadt, wo es ja eine One-Way-Strecke ist. Und wir da alle auf so einer große Wiese eben abgesetzt wurden, da halt noch kurz gesessen haben, bis dann die Tore geöffnet haben, um zum Start zu kommen. Und der Start ist ungefähr ein Kilometer weg gewesen. Ich wusste das alles nicht, weil ich mich vorher da nicht dementsprechend informiert habe. Aber es ist eigentlich relativ geregen gewesen, weil ich mich nicht aufwärmt hatte. Und ich meine, vor einem Mal, also ich hätte mich jetzt auch keine zehn Kilometer eingelaufen, aber der eine Kilometer zum Start war dann so mein Aufwärm. Und weil ich auch im Startblock A eben wegen meiner Zeit aus Berlin war. Dann bin ich direkt relativ am Anfang reingelassen worden. An den ganzen anderen Leuten halt vorbeigejoggt, weil die alle zum Start gegangen sind. Und dann stand ich am Start und war halt der Erste an dieser Linie. Und dann dachte ich mir, wie kommt das denn jetzt? Weil ich aus Berlin halt auch anders gewöhnt war. Weil ich habe im ersten Moment nicht mal wahrgenommen, dass es der Start ist. Weil in Berlin ist ja alles da mit Tohoverboru, riesigen Torbogen und so weiter aufgebaut. Und in Boston ist es ja in so einem kleinen Mini-Dorf. In Hodgkinston heißt es, glaube ich, einfach mit so einem kleinen Flatterband abgetrennt. Und dann steht einfach unten ein Start. Und das war es dann halt einfach. Mit so zwei, drei kleinen Pfeilchen an der Seite. Dann, als ich einmal vorne stand, dachte ich mir, okay, also jetzt wäre es halt einfach so eine Verschwendung des Geschenks, was ich hier erhalten habe, als erst an der Startlinie zu stehen, wenn ich nicht was draus machen würde. Genau, es war ja auch nicht das Pro-Renn, sondern das Pro Renn ist vorher gestartet. Aber von den von den Amateuren war auch ganz witzig, weil die meisten, die da um mich rum standen, mich aus Berlin oder von dem Video aus Berlin kannten und dann schon gefragt haben, was machst du jetzt? Pass auf, ich laufe hier gleich schnell los.

Henning Lenertz: Diese Leute, die dann, das waren ja keine, nicht unbedingt andere deutschsprachige Leute, sondern sehr international, das Feld in Boston, die kannten dich, weil dieses Reel oder deine Reels vom Berlin-Marathon viral ging, in Anführungsstrichen. Ja, genau. Ja, genau.

Marc Tortell: Als ich mich dann vorne gefilmt habe, ich habe vor dem Start mich ja noch gefilmt, bin ich ja so gesagt, hey, ich mache heute eine Challenge. Aber Leute von hinten so, ah Mark, let's go, let's go. Das war schon echt cool. Das war sehr, sehr nice. Neben mir standen so zwei Mexikaner, die mich dann schon gefragt hatten. Dann waren noch ein paar Amerikaner. Also ich würde nicht sagen, dass mich jeder kannte, aber ich wurde dann da im Startbereich schon so angesprochen. Und genau, dann habe ich mir gedacht, ok, wenn ich schon mal hier stehe, dann muss ich meine Mittelstrektakualitäten auch irgendwie nutzen, um da den Start zu gewinnen. Und das habe ich dann auch gemacht, aber ich bin bei einer Strecke von 22 Kilometern, ich bin die ersten, weiß nicht, 300 Meter vielleicht, so schnell gelaufen, da wurde das Laktat dann noch abgebaut. War jetzt kein Genickbruch.

Henning Lenertz: Und du bist dann aber ein bisschen gleichmäßiger durch oder nach Boston gelaufen.

Marc Tortell: Genau, es ist halt sehr wellig die Strecke, also am Anfang geht es schon recht viel bergab. Ich habe immer auf meinen Puls geschaut, ich glaube die ersten 20 Kilometer war ich so im Bereich so 140, also Anfang 40 und habe mich gut dabei gefühlt. Dann dachte ich, okay, mein Plan war es eigentlich langsamer zu laufen. Also eigentlich war mein Plan so wieder 350 zu laufen, aber dann dachte ich mir, okay, es rollt und es ist berg ab. Es ist auch in Ordnung und die zweite Hälfte war dann schon noch ein bisschen anstrengender, aber lief eigentlich dann bis zum Ende recht kontrolliert und gut, weil ich auch vorwärts ein bisschen besser trainiert war als in Berlin.

Henning Lenertz: Aber das war ja, also weder Berlin noch Boston waren Rennen, die dir jetzt wichtig waren, die für dich als Bahnläufer jetzt irgendeine Relevanz hatten. Und du hast es angesprochen, du hast eingangs angesprochen. Eigentlich hast du ja damit mit dem Gedanken gespielt, deine Karriere nach der Saison 2024 zu beenden. Verrat einmal, wieso dieser Gedanke kam und wieso du ihn dann ... ... Verworfen hast und heute jetzt die beste Saison, die schnellste Saison bislang deines Lebens hinter dir gebracht hast, hinter dich gebracht hast.

Marc Tortell: Genau, ich habe die letzten Jahre schon echt, würde ich sagen, sehr viel investiert. Gar nicht das Training an sich, aber sehr viel Verzicht auch mit dem letzten Jahr, wo ich eigentlich mich gerne für die internationale Meisterschaft qualifizieren wollte. Man läuft immer dann den Norm hinterher und viele andere Sachen bleiben dann auf der Strecke. Ich bin jemand, der auch sehr gerne sozial viel unterwegs ist und sich mit Freunden trifft, dass es auch immer fein geht. Das ist dann jedes Mal schwierig gewesen oder eigentlich nicht möglich. Und dann habe ich mir letztes Jahr, eigentlich schon lange, 2020 hatte ich schon gesagt, 2024 wird so mein letztes jahr, wo ich wirklich so richtig durchziehe und nochmal alles investiere, was geht. Ich brauche dann sehr viel Trainingslagern. Und dann hab ich danach gesagt, okay, ich werde weiter laufen. Zumal wegen meines Social Media sowieso. Das ist ja Teil meines Jobs dann so, war auch dann weiter zu laufen, aber weil ich das Laufen an sich auch einfach liebe. Und es ist so gekommen, dass mich im April letzten Jahres eine Gruppe aus Spanien im Trainingslager angesprochen hat und war so, hey, komm, mach was mit. Du kannst mit uns trainieren, weil ich halt immer sehr viel allein trainiert habe. Ich ohnehin nach meinem Studium auch nochmal ein spanischsprachiger Ausland wollte. Also ich bin halb Spanier, ich spreche auch ganz gut Spanisch, aber ich wollte dann nochmal das zu optimieren. Und hab gedacht, das ist ganz cool, wenn ich nochmal so ein halbes Jahr im Ausland wohne, wollte eigentlich erst nach Südamerika, aber durch diese Gelegenheit, dass ich dann auch da schon Anschluss habe, auch mit Locals und da auch das mit dem Laufen ganz gut weitermachen kann. In meinen damaligen Überlegungen so viermal die Woche, that didn't age well. Aber genau, deshalb bin ich nach Madrid gegangen und hab dann da mit der Gruppe mit trainiert. Die haben, hab dann auch mit dem Trainer dort trainiert, wann sie sich auch später erst erfahren hat, dass es eine sehr militäre Gruppe ist. Also nicht jetzt von der Art und Weise, aber einfach von den Leistungen her.

Henning Lenertz: Richtig gut um dich herum, das ist überraschend.

Marc Tortell: Ich war, glaube ich, der zweitlangsamste mit meiner Bestzeit. Und der, der langsamer war als ich, ist ein spannender Jugendrekord über 18 gewesen. Und hab danach die Einheiten in der Gruppe immer mitgemacht, was für mich auch mega cool war, weil in der Truppe zu trainieren so viel angenehmer ist als immer alleine. Und bin dann anfangs immer so fünft die Woche dabei gewesen, hab meinen Longrun dann immer geskippt als die Longrun hatten und am Freitag haben wir auch immer einen Dauerlauf unter Hürden gemacht, da bin ich dann manchmal auch nicht gekommen. Aber es hat halt voll Spaß gemacht und deshalb, für mich war das halt wie ein Runclub dann in dem Sinne, aber halt einfach so ein bisschen nach wie vor ambitionierter. Aber schnell laufen ist ja auch das, was ich eigentlich mag. Und ja, es lief dann so über die Zeit. Dann bin ich 10 Kilometer Bestzeit gelaufen und hab mich auch schon, also so ausdauermäßig hab ich halt, glaube ich, deutlich mehr gemacht, weil die einfach so eine Einfachperiodisierung gefahren sind. Wir haben Winterwettkämpfe gemacht, aber auch fast ohne rauszunehmen. Und ich bin dann aber in der Halle sehr oft krank war, ansonsten glaube ich wäre ich da schon ganz gut gerannt. Hab mir aber dann nichts dabei gedacht, hab dann so meinen Stitel weiter gemacht, bin dann... Im Sommer war ich einfach, oder jetzt Richtung Frühling, weil ich einfach Spaß dran hatte, eigentlich immer so 6, 7 Mal die Woche da gewesen. Und als der Milchvertrag dann zu Ende gegangen ist, sind die anderen noch mal 3 Wochen nach Vormüll. Dann hab ich gesagt, ich einfach mitkomme, weil auch Trainingslagervibe an sich super cool finde. Und ja, bin dann vom Trainingslag aus mehr oder weniger meine ersten Wettkämpfe gelaufen. Hab auch erst in der Wettkampfwoche das erste Mal so richtig schnelle Tempoläufe gemacht, was halt vorher so gar nicht mein Konzept war, weil ich eigentlich immer in einem recht langen Zeitraum dann schon intensive Läufer gemacht habe. Liefer war dann extrem gut und ich bin direkt besser in den Wärmbestichungsraum gelaufen. Und ich glaube, so im Mitgrund war halt einfach auch, dass ich mir dann gar keine Gedanken drüber gemacht habe, sondern einfach immer in der Gruppe so ein bisschen mitgelaufen bin und wusste, okay, wenn ich so... 10, 15 Meter hinter mir ans Ziel komme, das ist immer noch gut, aber da mental so gar keinen Stress hatte, weil es mir auch mehr oder weniger egal war, ob die Trainingsgute oder nicht gut liefen. Ich meine, natürlich ist es immer besser, wenn es gut läuft, aber es war dann auch kein Beinbruch und man dann auch nicht nur gegen sich die ganze Zeit läuft und gegen die Zeit, sondern halt immer Referenzpunkte hat. Und ich glaube auch so einfach generell sehr im Gleichgewicht bin oder war, weil ich einfach dann auch auf meinen Körper gehört habe und auch die Sachen gemacht habe, die ich machen wollte. Und wenn ich weggehen wollte, bin ich weggegangen. Am nächsten Tag habe ich dann nicht trainiert, wenn ich mich echt gefühlt habe oder doch trainiert habe, erst abends, aber so ohne irgendwas zu erzwingen. Und ich glaube, es hat mir sehr gut getan. Aber ich muss noch sagen, ich glaube der Trainer da in Spanien, der die Gruppe da trainiert ist auch extrem, extrem kompetent. Also ich war immer, ich bin und war immer sehr mit meiner Mutter auch zufrieden als Trainer und glaube, dass das auch wirklich das Richtige für mich war. Aber ich glaube einfach, dass diese Komponente da in der Trainingsgruppe mitsaufen sie können, gerade bei den längeren Sachen. Und auch so ein bisschen mehr die Expekte. Also diese Schwellen, Trainings oder so gemacht. Aber viel so ein 10k-Pace, lange Intervalle, so 3000er, 4000er. Das hat mir sehr geholfen. Und ja, jetzt bin ich komischerweise extrem schnell gelaufen und das hat sich auch weiter so im Laufe der Saison bestätigt. Und wie du vorhin schon auch gesagt hast, konnte ich dann direkt in Madrid, was für mich auch absolut crazy war, meinen ersten internationalen Satz auf der Bahn feiern. Und genau daran ist es auch sehr gut. Deshalb all in all sehr, sehr coole Saison und ich bin extrem happy.

Henning Lenertz: Ja, das ist tatsächlich ein krasser Zufall. Du hattest nicht das Ziel. Du hättest eigentlich gesagt, ja komm, Leistungssport oder Profisport lass ich jetzt mal sein und hab einfach wieder Spaß am Training. Und du schaffst es dann an dem Ort deiner neuen Trainingsgruppe, wo du zu der Zeit lebst, bei den Team-Europameisterschaften dabei zu sein. Und das erste Mal. Als Aktiver halt im Germany-Trikot starten zu können, das ist irgendwie eine runde Nummer, ohne es gewollt zu haben. Irgendwie eine coole Geschichte. Und dann warst du nicht nur einfach dabei, sondern hattest auch ein gutes Rennen. Du bist Fünfter geworden, wenn ich mich recht entsinne. Und das Team hat die Bronzemedaille geholt. Also das ist halt schon auch irgendwie dann ziemlich geil. Das ist toll. Wie sieht es denn jetzt momentan aus? Du bist jetzt gerade nicht mehr in Madrid, sondern in Frankfurt, wo du ja auch aufgewachsen bist. Wie geht es jetzt bei dir weiter? Du bist noch nach wie vor Teil der Trainingsgruppe. Dein Trainer ist dieser spanische Trainer, dieser Guru.

Marc Tortell: Genau.

Henning Lenertz: Wird es jetzt so weitergehen? Bist du jetzt wieder angefixt und voll auf Profisport?

Marc Tortell: Ich glaube, es wäre ein Trikot Schluss. Und jetzt zu sagen, wenn ich jetzt viel investiere, dann laufe ich viel schneller. Ich glaube ich laupe ja auch gerade schnell, weil alles so an sonstigen Umständen in meinem Leben glaube ich ganz gut passt. Natürlich laube ich gerne schnell, aber ich werde auch die anderen Sachen, die ich jetzt in diesem Jahr gemacht habe, auch beibehalten. Ich werde wahrscheinlich schon im Oktober, November wieder zurück nach Madrid, dann im Dezember hier sein und im Januar vielleicht. Auch sehr entspannt, obwohl sehr professionell. Wie schon gesagt, es ist eigentlich wie so ein Lauftreff, aber halt auch professionell dann. Und ja, meinen Trainer, mit dem bin ich eigentlich auch regelmäßig im Kontakt. Ich telefoniere so 2-3 Mal die Woche mit ihm, schreibe ansonsten mit ihm. Und werde jetzt schauen, dass ich mich nach den deutschen Meisterschaften gut recover, werde in den Urlaub fahren. Je nachdem. Ich habe mir die Weltreinwerste für Tokio schon mal angeschaut, dass wir mal gucken, wie sich das entwickelt. Aber es ist, glaube ich, so einen ganz kleinen Tick zu viel. Aber ich bin dann trotzdem sehr happy, so wie alles gelaufen ist.

Henning Lenertz: Aber schon krass, dass du jetzt auf einmal wirklich der Gedanke an eine Weltmeisterschaftsteilnahme in deinem Kopf rumschwirrt. Also das hättest du dir vor einem Jahr sicherlich nicht zu erwarten. Schon heftig. Wie geht es deiner Mutter damit, dass du da jetzt so einen neuen Trainer hast und mit dem erfolgreich bist? Weil, wie du schon sagst, es geht ja gar nicht um besser, schlechter, sondern du hast jahrelang nach ihrem System trainiert und vielleicht braucht dein Körper jetzt einfach noch mal einen anderen Reiz, um sich weiterzuentwickeln. Weil du warst ja schon auf sehr, sehr hohem Niveau unterwegs. Aber wie findet sie das? Wie findet sie, dass du jetzt wieder weiter machst?

Marc Tortell: Ich glaube, sie freut sich. Sie hat sich wirklich unendlich gefreut, dass es lange so gut lief und dass dann doch irgendwie die Sachen, die ich mir die letzten Jahre vorgenommen habe, wo ich immer ganz knapp dran gescheitert dieses Jahr irgendwie hingehauen habe und verhofft, ist da für mich extrem happy und lässt mir aber da eigentlich alles offen. Also ich glaube, wenn ich jetzt von heute auf morgen auch sagen würde, ich will jetzt einfach nicht mehr laufen, dann wäre das für sie auch in Ordnung. Ich glaube, es geht eher darum, dass sie sich einfach für mich freut, dass ich da so meine Ziele irgendwie erreicht habe und das ist auch so eine runde Sache jetzt auch, vor allen Dingen mit Madrid war. Aber sie unterstützen sich da glaube ich in allen Entscheidungen. Also mein Vater genauso.

Henning Lenertz: Wohin soll sich jetzt deine Reise als Läufer noch bewegen? Wohins soll es führen? Also wenn du jetzt ein bisschen weiterdenkst, wenn du merkst, okay, ich komme wieder rein und das funktioniert alles, ist dann LA 2028 irgendwie was? Oder ist es so Halt, Stopp, erst mal lange lang?

Marc Tortell: Ja, daran denke ich eigentlich gar nicht. Also ich glaube, ich muss einfach so ein bisschen auf mich zukommen lassen. Ich will auch nicht so verkrampft dann so da rangehen und jetzt wieder sagen, oh, jetzt nehme ich mir das vor und das und das vor. Gar nicht, weil ich jetzt denke, dass ich dann wieder schlechter laufe, aber ich glaube ich habe einfach irgendwie so meinen Frieden mit dem, was ich geleistet habe und geschafft habe. Und alles, was irgendwie dazu kommt, ist für mich ein Bonus, aber ich fühle mich nicht mehr so, als ob ich so jeden Tag die beste Version von mir selbst sein muss, um es mir einfach selber so zu beweisen und um alles mögliche aus mir rauszuholen. So, ich bin happy damit, wenn ich spinne und so es gibt mir auch eine gewisse Ruhe und Routine und macht mich zufrieden, aber es ist nicht mehr diese innere Unruhe in mir. Immer mehr zu wollen und so nicht mit dem zufrieden zu sein, was man hat, sondern immer für noch ein bisschen mehr gehen zu wollen. Ja, ich glaube das heißt nicht, dass ich weniger motiviert bin oder weniger irgendwie es möchte, aber einfach auf eine andere Art und Weise mit ein bisschen anderer Art von Motivation. Ich glaube einfach so für mich ich genieße es einfach gerade extrem so schnell rennen zu können. Und so dieses Gefühl zu haben von man fliegt über so eine Bahn ohne wirklich so Anstrengungen zu spüren, so Zeiten laufen zu können. Weiß nicht, wenn ich jetzt eine 57, 56 auf 400 davon sich anfühle, wie einfach ohne dass ich wirklich da was für investieren muss. Das ist so ein tolles Gefühl. Und einfach das irgendwie mehr wertzuschätzen und das einfach so Tag zu genießen ist. Da glaube ich jetzt gerade momentan eher das, was mich

Henning Lenertz: antreibt. Spannend, dass dir das Gefühl beim Laufen so viel gibt. Also wie sich der Moment des Laufens anfühlt. Das ist echt spannend, weil viele, wie du schon sagst, gehen sehr über Normen, sehr über Zeiten, sehr über Ergebnisse. Und dass es für dich da noch so eine andere Komponente gibt, obwohl du auf dem Niveau läuft, auf dem du läufst. Finde ich interessant, habe ich so in der Deutlichkeit tatsächlich noch von keinem gehört. Abschließend die Frage, weil das auch immer wieder gefragt wird, was laufen die Profis für Schuhe? Du bist jetzt bei Adidas, also wir müssen jetzt nicht irgendwie, also wir gehen jetzt davon aus, dass du Adidas Schuhen trägst, aber in den letzten Jahren hat sich ja in der Technologie der Laufschuhe sehr, sehr viel getan. Nun kenne ich mich absolut null mit den Spikes aus, die ihr auf der Bahn benutzt, aber wie würdest du sagen, was, was bringen die Spikes heutzutage? Wie fühlt sich das heutzuteige an im Vergleich zu Spikes von vor ein paar Jahren? Also helfen die dir dabei auch dieses Gefühl, von dem du gerade gesprochen hast, zu erreichen und schneller zu laufen?

Marc Tortell: Ja, absolut. Also ich muss sagen, wirklich in Spikes laufen ist, glaube ich, das Beste, was man als Laufgefühl fühlen kann. Also ich meine, so richtig fließend, so ein Dreier-Schnitt in Karbon-Schuhen und eine Asphaltstraße entlangzubrettern, das ist auch geil, aber in Spike an einem warmen Sommertag, so 13er-Splitz auf 100 über eine Bahn zu brettern, das ist irgendwie noch mal geiler. Also ich würde schon sagen, also ich laufe die Ambition von Adidas Ambition Spikes und das neue Modell, was seit letztem Jahr auf dem Markt ist, Mitte Ende des letzten Jahres, das mag ich sehr, sehr gerne jetzt nicht, weil ich bei Adidas bin, zum Beispiel das Vorgängermodell mag ich nicht so gerne, weil ich brauche einen Spike, der auch sehr hart, schon hart ist. Ich bin früher auch sehr viel Mittelstrecke in Sprint-Spikes gelaufen, weil ich bin, der relativ viel Vorderfluss läuft und das eben mal sehr gerne habe, wenn da ich sehr viel Energie zurück bekomme. Geht halt sehr auf die Achilles-Szene. Ich glaube, es kommt auch so ein bisschen drauf an aufs Tempo, was man dann im Endeffekt läuft. Also ich würde jetzt nicht jedem empfehlen, in Spikes zu laufen, weil es sich auch erst ab einem gewissen Tempo glaube ich auch. Ich glaube, dass es sich dann auch sehr geil anfühlt und dann auch wirklich so die Schuhe dafür ausgelegt sind. Wenn man sehr über die Ferse läuft, dann bringt es einem nichts Spikes zu laufen, sondern du bremst dich damit ja eher ab. Aber mit denen laufe ich im Training, also sowohl im Wettkampf, ich habe zwei unterschiedliche Paare, ein Trainingspaar und ein Wettkämpfpaar. Und davon, was Laufschuhe angeht, habe ich da eigentlich so die ganze Palette, weil wir auch eben im Training die unterschiedlichen Geschwindigkeiten ansprechen. Für schnellere Sachen glaube ich im Pro Adios Pro 4. Ich habe sehr lange Zeit auch mit dem Pro 3 noch trainiert, weil der ein bisschen härter vom Gefühl war. Und ich das gerne mochte, aber mittlerweile bin ich ein Herz und eine Sehne mit dem Pro 4

Henning Lenertz: Ich hätte gedacht du läufst den Takumi Sen das hätte so gepasst, noch ein bisschen leichter ein bisschen flacher, ein bisschen direkter.

Marc Tortell: Den Takumi Sen benutze ich für Bergläufe und Sprints.

Henning Lenertz: Ok, für die ganz kurzen Sachen.

Marc Tortell: Genau, aber der gibt also das ist ein geiles Laufgefühl im Takumi Sen, aber der gibt nicht so viel Energie zurück. Ab ein Kilometer Raps ist irgendwie, so bin ich nicht fern vom, also kommt auch ein bisschen auf die Geschwindigkeit drauf an. Wenn ich jetzt irgendwie 200er machen würde oder auch wenn ich 400er machen würde, so ab einer Pace von 65 oder so, würde ich vielleicht sogar lieber im Takumilaufen, weil es sich einfach dann schon so schnell ist, dass es sich richtig anfühlt. Aber sobald es ein Rollen ist eher so ein rollender Schritt glaube ich im Pro 4. Und ja, und für die Dauerläufe in Adis da, mag ich sehr gerne, aber ich glaube, mein Lieblings Dauerlaufschuh ist der EVO SL. Das ist so irgendwie, ich glaube in sich so der rundeste Laufschuh, den es momentan generell gibt. Weil man kann ihn für schnelle Sachen anziehen und man rollt richtig geil darin. Man kann ihn aber auch für lockere Dauerläufe anziehen, weil er ein nice Cushioning hat. Und auch hinten gerade an der Hälte, dass der noch so nice gepolstert ist, sogar besser als der Adis da würde ich sagen, weil die Sole auch nicht so hart ist. Also wenn ich einen einzigen Laufschuh hätte würde ich auf jeden Fall den EVO SL nehmen.

Henning Lenertz: Das sagen echt viele und ich muss gestehen, dass ich den Schuh noch nie gelaufen bin. Also ich kenne viele, die ihn lieben, offenbar genau wie du, die ihn für alles Mögliche einsetzen. Ich war irgendwie bei seiner Präsentation, als der Schuh veröffentlicht wurde, aber habe ihn seitdem nie am Fuß gehabt. Das sollte ich glaube ich unbedingt mal ändern.

Marc Tortell: Jetzt ist es Zeit.

Henning Lenertz: Welchen Anteil der Kilometer, die du pro Woche läufst, hat das Laufen in Spikes? Also wie viele Kilometer machst du in Spike, wie viel in normalen Laufschuhen?

Marc Tortell: Relativ wenig. Ich würde sagen, ich mache in den Wettkampfphasen jetzt so um die 90, 80, 90 Kilometer und ich laufe zwei bis drei Mal die Woche eine Session in Spikes. Dazu kommen noch zwei Mal die Wochen Strints, die ich in Spike mache, aber das geht nicht über Gesamtvolumen von einem Kilometer hinaus. Und die Sessions sind auch drei. Also ich laufte in der Woche maximal. Zehn Kilometer in Spikes. Aber ich würde sagen, normalerweise noch ein gutes Stück weniger.

Henning Lenertz: Es sind gute Laufschuhe, die normalen Laufschuhe, die alle Menschen eigentlich brauchen. Schon das, was du auch mehrheitlich im Training benötigst. Ja, absolut. Okay, sehr gut. Dann würde ich sagen, haben wir einmal dein komplettes Leben durchleuchtet und viele spannende Aspekte kennengelernt und mal gucken, was ist dann mit Weltrangliste und so noch für den Rest der Saison. Ob es sich ergibt, mal sehen. Und man wird dich auch wieder beim Berlin-Marathon am Start sehen. Dann wahrscheinlich wieder mit weniger Fokus als die letzten beiden Male, die du im Marathon gelaufen bist. Oder mit ähnlich wenig Fokus, sagen wir es mal so. Oder was hast du dir für Berlin diesmal vorgenommen? Was ist die Idee?

Marc Tortell: Ja, ich glaube, bis ich einen Marathon extrem gut vorbereitet und fokussiert laufe, brauchst du auch ein bisschen gut vorbereit und fokusiert laufen, würde ich gerne, glaube ich, im Bereich zwei Stunden zehn laufen. Und das sehe ich jetzt aktuell nicht, vor allem mit einer Vorbereitung nach so einer Track-Season. Ich glaube, dann brauchst du auch für einen recht flotten Track-Läufer ein bisschen mehr als einen Long Run. Ne, deshalb, also ich werde wieder zügig, aber mit viel Spaß laufen. Es ist noch nicht klar abgesteckt, kommt das ein bisschen drauf an, wie es bei meiner besseren Hälfte Roma aussieht, was Marathons angeht. Aber vielleicht, ganz vielleicht steht eine Eins hinter der Zwei. Aber das müssen wir noch abwarten.

Henning Lenertz: Okay, also Sub 220, alles klar. Und wenn Romain nicht dabei ist, du brauchst ja einen Sidekick, ne? Du brauchst ja irgendwen, der mit dir läuft. Dann können die Leute sich ja mal bei dir melden und sich quasi bewerben. Also wenn ihr souverän unter 220 läuft und beim Handy in der Hand, dann kann man sich bei dir melden.

Marc Tortell: Wir nehmen die Bewerbung gerne entgegen.

Henning Lenertz: Ja, wir machen dann so ein Casting. Ja, ich spreche jetzt so, als sei das meine Idee, aber okay, nein. Du bist jetzt engagiert. Das wäre tatsächlich eine witzige Aktion. Naja, aber das muss ja auch viben. Also wenn ihr zwei nicht miteinander klagt, ja, das wäre schwer. Hoffen wir mal, dass Romain Zeit hat.

Marc Tortell: Hoffen wir mal. Wenn nicht, dann organisieren wir das Casting.

Henning Lenertz: Marc, vielen Dank für deine Zeit, vielen dank für deine Einblicke, vielen Dank, für deine ehrlichen Worte. Und genau, ich drücke jetzt die Daumen. Machs gut. Vielen Dank.

Marc Tortell: Danke dir.

Henning Lenertz: Bis dann, danke.

Ela Wildner: Ja, da müssen wir wohl auf jeden Fall noch mal nachfragen, ob denn noch ein Mitläufer gesucht wird für den Berlin Marathon. Schreibt uns doch gerne mal in die Kommentare, ob ihr Bock auf den Job hättet. Natürlich abonniert unseren Podcast auch gerne, dann verpasst ihr die nächste Folge nicht. Die gibt's in zwei Wochen. Wir freuen uns, wenn ihr wieder rein hört und sagen bis dahin, viel Spaß beim Laufen.

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